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Ein ehemaliger Hamburger NPD-Aktivist packt aus

Wir dokumentieren einen Artikel von Indymedia, Autor: Alles muss man selber machen  23.09.2009 

In den vergangenen Wochen erschienen in verschiedenen bürgerlichen Medien Auszüge von Interviews mit dem ehemaligen Neonazi Frank Försterling. Dieser war fünf Jahre in der Hamburger Szene nicht ganz unbedeutend. Anfang 2009 ist Frank nun ausgestiegen und hat mit der Szene gebrochen. In einem nun veröffentlichtem, über einstündigem Interview erzählt er nicht nur seine eigene Biografie, sondern auch viele Details aus der Hamburger NPD und ihrem Umfeld. Die Hamburger NPD und ihre Kameraden stehen in der Tradition von Hitler und der SA, könnte das Resümee lauten.

2004 kam Frank über eine zufällige Begegnung in Kontakt mit der organisierten Nazi-Szene in Hamburg-Harburg. Nazi-Musik hörte er, wie viele andere Jugendliche schon vorher. Damals, mit 17 Jahren fühlte er sich aber das erste Mal mit seiner Meinung akzeptiert. Allerdings schloss er sich der Szene nicht nur wegen der Kameradschaft an, sondern, weil er auch schon „ ein ansatzweise vorhandenes nationalistisches Weltbild“ hatte. An einem 20. April (Hitler´s Geburtstag) trat Försterling dann der NPD in einem Bierzelt auf dem Hamburger Dom bei, „so ein riesiges Bierzelt, wo es damals noch einen ersten Stock gab und da saßen immer ganz viele Naziskins.“

Und hier machte er schnell Karriere: Er hatte Abitur, galt als zuverlässig und pflegte eher ein gewisses „Understatement“ – er wurde Jugendbeauftragter der Nazi-Partei in Hamburg-Harburg. Auch der Kurs der damaligen neuen und ersten weiblichen Landesvorsitzenden der NPD, Anja Zysk gefiel Försterling: „ Als Anja Zysk dann Landesvorsitzende war bin ich eingetreten, um sie zu unterstützen.“ Unter Zysk wurde der hiesige Landesverband der NPD durch den Eintritt von Freien Kameradschaftern von einer Altherrenpartei in „ein Haufen von aktiven Neonazis, also wirklich Nationalsozialisten“ transformiert.

Bezüglich des Hamburger Landsverbandes werde allerdings die Rolle des Landesvorsitzenden Jürgen Rieger eher überschätzt, er sei nur eine Galionsfigur, ansonsten fände die Koordinierung der Parteiarbeit „in Bramfeld statt bei Jan-Steffen Holthusen. Der ist eigentlich so der Chefe.“. Dieser soll sich intern als SA-Mann bezeichnet haben und betreibe mit entsprechender Pflichterfüllung nationalsozialistische Politik im Hamburger Landesverband.

Und der Kopf des „Aktionsbüro Norddeutschland“, Tobias Thiessen stehe zum Führer Adolf Hitler, weiß Försterling zu berichten, „es darf nicht konträr zur NSDAP Politik laufen, das was er von sich gibt.“
Allerdings seien die Kader der Hamburger Szene sehr geschickt, jedes Flugblatt, jeder Internetauftritt werde von Rechtsanwälten geprüft. Dies geschehe um den Status Quo zu erhalten und Strukturen oder Kader nicht zu gefährden. So sei es auch zu erklären, dass ein Nazikader „keine ‚unsicheren’ Straftaten begeht, sagen wir es mal so; sich gesetzlich im sicheren Bereich zu bewegen, das ist für die sehr, sehr wichtig.“ Straffällig würden eher die Mitläufer, die „typische Ostglatze.“
Bei internen Veranstaltungen werde jedoch der Holocaust geleugnet oder Vernichtungsfantasien nachgegangen. Auch Jürgen Rieger beteilige sich daran, über eine Veranstaltung mit dem Landesvorsitzenden sagt Försterling: „Ich hab mal ne Strichliste geführt wie viele strafbare Äußerungen er da von sich gegeben hat, das waren auf jeden Fall mehr als 20.“

Aber auch die Einschätzung von Försterling bezüglich von Nazi-Gegnern und Polizei sind interessant. Was Outing für Nazikader bedeuten kann, erfuhr Försterling am eigenen Leib, er verlor vor ein paar Jahren seinen Job. Die Öffentlichmachung von führenden Neonazis, verunsichere diese, schädige sie finanziell, und hindere sie auch in ihrer politischen Arbeit.

Die Polizei hingegen sei bei bestimmten Aufmärschen, z.B. von Christian Worch, fester Bestandteil des Konzeptes und ohne diese nicht denkbar und auch nicht medienwirksam. Worch verlässt „sich natürlich voll und ganz auf Polizeischutz. Hundertprozentig, dass ist definitiv mit in der Kalkulation mit drin.“
Doch auch antifaschistische Gegenwehr, habe nicht immer den Effekt, der von Antifa-Gruppen beabsichtigt sei. Die Aussicht auf Randale könne auch mobilisierend auf z.B. rechte Hooligan-Gruppen wirken. „Das hat man im Osten sehr, sehr oft, dass auf einmal auf Demos solche Schränke auftauchen, mit Goldketten, die mit Politik so ziemlich gar nichts am Hut haben, aber sich einfach prügeln wollen.“
Heute ist Frank Försterling 23 Jahre alt und will von seinen ehemaligen Kameraden nichts mehr wissen. Er betrachtet diesen Abschnitt seines Lebens als „verschwendete Zeit.“ Es sei doch egal wo ein Mensch herkommt der in Deutschland lebt. „Mir ist wichtig, dass es allen Menschen gut geht.“ Dass Försterling seine Nazi-Biografie und sein Wissen über die (Hamburger) Szene nun öffentlich gemacht hat, wird ihm sicher noch weitere Anfeindungen seiner ehemaligen Kameraden einbringen.

Auch in dieser Hinsicht ist das ausführliche Interview mit ihm eine Besonderheit. Er sprach explizit mit antifaschistisch engagierten Menschen nach seinem Ausstieg und nicht mit Verfassungsschutz und Polizei.

Das vollständige Interview ist einzusehen auf der Homepage der Kampagne „Alles muss man selber machen: Rechtsfreie Räume schaffen! Weg mit der NPD!“  http://www.selbermachen.tk/ , dort unter Regionales/Hamburg