von Blick nach rechts, Andrea Röpke
Der harte Polizeieinsatz in Hamburg löste bei Beobachtern viel Unverständnis aus. Einzige Profiteure: Militante Neonazis. In der Neonazi-Szene wird der Hamburger Marsch als Erfolg gewertet;
Vielleicht hätten sich die Verantwortlichen des Polizeieinsatzes in Hamburg intensiver mit den gefährlich-radikalen Inhalten des Neonazi-Aufmarsches
am 2. Juni beschäftigen
sollen, als sich ausschließlich auf die Durchsetzung deren Aufmarschrechtes zu konzentrieren? „Auf Teufel komm raus“ sei die Neonazi-Demonstration durchgesetzt worden, kritisierten Beobachter. Nicht nur, dass der von den Polizeiverantwortlichen wegen der zahlreichen Blockaden als Ersatzroute vorgeschlagene Weg durch ein enges Wandsbeker Wohngebiet führte und diese Entscheidung für viele absolut nicht nachvollziehbar war. Sondern auch die Härte, mit der einerseits gegen Gegendemonstranten mit Wasserwerfern, Schlagstöcken und Pfefferspray vorgegangen und anderseits dem militanten Neonazi-Spektrum aggressiv der Weg frei geboxt wurde, wirft Fragen auf.
Zum „Tag der deutschen Zukunft“ waren entgegen den Vorstellungen des Organisationsteams um Thomas Wulff, Christian Worch, Jan-Steffen Holthusen, Thorsten Schuster und Torben Klebe nur knapp 600 Neonazis erschienen. Tausende von engagierten Menschen hatten die Zuwege zur Aufmarschstrecke im Stadtteil Wandsbek und Umgebung friedlich blockiert. An einigen Stellen brannten Mülltonnen. Nachts waren Mannschaftswagen der Polizei von Unbekannten in Brand gesteckt worden. Die Anreise der Neonazis gestaltete sich als schwierig. Mit gecharterten öffentlichen Bussen karrten Sicherheitsbehörden die ersten Teilnehmer daraufhin direkt zum Versammlungsort. Dort verharrten sie einige Zeit, wurden zusehends aggressiver. Medienvertreter, dabei vor allem ausländische Presse-Teams, wurden angepöbelt und an ihrer Arbeit gehindert.
„Die Demo stand kurz vor der Eskalation“
Nach 15.00 Uhr entschied die Polizei sich dann für eine Alternativroute mitten hinein in ein Wohngebiet. Diese Entscheidung löste Unverständnis bei ortskundigen Journalisten aus. Sahen sie doch den breiten Protest vor sich. Tausende von Gegendemonstranten waren bereits seit Stunden genau dort unterwegs. Der Konflikt war vorprogrammiert. Die „taz“ schimpft in einem Kommentar: Das Demonstrationsrecht durchzusetzen sei eine Verpflichtung, „aber nicht um jeden Preis!“ und weiter: „Den rechten Marsch mit martialischem Aufgebot in ein ganz anderes dicht besiedeltes Quartier zu führen – wozu friedliche Blockaden geräumt werden mussten – entspricht allem anderen als diesem Verhältnismäßigkeitsgrundsatz“.
Auch auf „Spiegel-Online“ wird die Polizeitaktik spätestens dann kritisiert, als der mit Wasserwerfern, Reiterstaffeln und Sondereinsatzkräften vorangetriebene braune Aufzug stecken blieb: „In diesem Moment stand die Demo kurz vor der Eskalation“. Die Stimmung wurde immer aufgeheizter. Gruppen von Neonazis wollen ausbrechen, Böller und Pyrotechnik fliegen in deren Richtung, vereinzelt auch Flaschen und Steine. Die Neonazis werfen zurück. Eine junge Gegendemonstrantin wird mit Kopfverletzungen am Rande der Demonstration von Sanitätern behandelt. Ein Polizist fliegt nach einem Böllerwurf auf den Rücken. Obwohl die Gruppen nur Meter trennen, räumen die Polizeikräfte alles aus dem Weg, der neue Hamburger Wasserwerfer fährt mit stoßartigen Bewegungen auf die Menschenmenge zu. Ein zweiter rollt heran. Dann werden die Neonazis um Worch und Wulff auf engstem Raum an den Gegendemonstranten vorbei geführt. Der Spiegel spricht von einem gefährlichen „Nadelöhr“.
Lied von der heldenhaften jungen Nationalsozialistin
Schnell folgen in der öffentlichen Berichterstattung die Zahlen verletzter Polizeibeamter: 38. Von denen der Gegendemonstranten ist nicht die Rede. Völlig verängstigte Anwohner stehen an Bushaltestellen. Türkische Supermarktbesitzer schützen ihre Gemüseauslagen. Eine ältere Frau weint, als sie in lila Rauchwolken eingehüllt wird. Erschrockene Menschen blicken aus ihren Fenstern. „Dieses Szenario hat die Polizei zu verantworten“, ruft ein Beobachter den Beamten zu. Hinter vorgehaltener Hand kritisieren auch Polizisten die scheinbar fatale Entscheidung der Einsatzleitung.
Dabei hätte nicht zuletzt auch ein Blick auf Inhalte der Reden, Musikgestaltung sowie Drohgebärden der Neonazis vielleicht zusätzlichen Anlass gegeben, die Versammlung aus Sicherheitsgründen lieber rechtzeitig aufzulösen. Zu Anfang spielen Worch, Wulff und Co. das provokante Lied vom „Mädel mit der Fahne“. Darin besingen Frank Rennicke und eine Sängerin eine angeblich heldenhafte junge Nationalsozialistin, die sich im Mai 1945 wehrt, als ihr ein alliierter Besatzer die Fahne des deutschen Reiches nehmen will und stirbt. In dem Lied heißt es: „Noch trag ich ein Messer, wenn ich sterbe, dann falle ich für das deutsche Reich.“ Ein höchst umstrittener Song.
Rede mit gefährlichen Wortzündeleien
Später wird der letzte Anführer der 1994 verbotenen „Wiking-Jugend“, Wolfram Nahrath aus Berlin, in seiner Rede sagen dürfen: „Wir stehen unter der Regierung von Kranken, die im Rahmen ihrer Todesphilosophie nichts Besseres im Sinn haben, als dieses herrliche Volk zu töten“, und verklärt droht er, wenn einst „einmal die wahre deutsche Regierung“ komme, „dann werden wir diese Eidbrüchigkeit gewiss zu überprüfen haben…“. Am deutschen Volk solle die Welt genesen, schreit der ehemalige Chef der aggressiv-kämpferischen Erzieherorganisation ins Mikrophon und setzt nach, die Freiheit des deutschen Volkes sei die Voraussetzung, damit es „in seiner Rettungsarbeit für andere Völker antreten“ könne. Gefährliche Wortzündeleien.
Ein anderer Neonazi-Anführer greift gar direkt das Thema Gewalt auf. Dieter Riefling, mehrfach verurteilter Neonazi aus Hildesheim, gegen den vor kurzem zudem ein Ermittlungsverfahren wegen Gewalt gegen seine Ehefrau eingeleitet worden sein soll, grölt während des Marsches ins Megaphon: „Wenn wir angegriffen werden, und die Polizei sich nicht in der Lage fühlt, diese Angriffe abzuschlagen, dann werden wir über die gefallenen Polizisten hinweg den Angriff anschlagen!“ Riefling gehörte zur Führung des 2000 wegen seiner Verfassungsfeindlichkeit verbotenen „Blood&Honour-Netzwerkes“, zu welchem übrigens auch die Anführer der mörderischen Zwickauer Zelle engen Kontakt pflegten.
Shirt mit zwei gekreuzten Pistolen
Am „Tag der deutschen Zukunft“-Aufzug in Hamburg beteiligten sich kaum NPD-Kader, mehrheitlich stammen die Anhänger aus dem Freien Spektrum, unter anderem dabei waren die „Weißen Wölfe Terrorcrew“ aus Hamburg, „Freie Kräfte Ostfriesland“, „Nationale Aktivisten Torgauer Land“, „Besseres Hannover“, Berliner Neonazis aus Lichtenberg sowie die Truppe um Gesine Hennrich, die „Norddeutsche Trommlergruppe“, eine Gruppe „Demosanis Kameradschaftsdienst“ in grünen Westen, „Aryan Brotherhood“-Anhänger, Kameradschaften aus Westfalen und dem Ruhrgebiet, Ludwigshafener Neonazis. Unter den Teilnehmern waren auch Andy Knape aus dem NPD-Bundesvorstand, die Jungen Nationaldemokraten Hessen und Mario Matthes, Julia Thomä von den Jungen Nationaldemokraten in Mecklenburg-Vorpommern sowie Adolf Dammann, Matthias Behrens und Florian Cordes von der niedersächsischen NPD. Martialische Botschaften verkündeten auch ihre Shirts. Auf einem stand: „Support your local Anti-Antifa“ mit zwei gekreuzten Pistolen mit Schalldämpfern. Eine Frau zeigte die Rückenaufschrift ihrer Jacke: „Wir sind die Bösen!“
Anspannung machte sich auch während des Marschs unter den Neonazis breit. Als sie gegen 18.00 Uhr an einer S-Bahnhaltestelle zu einem bereitgestellten Zug geschleust wurden, sangen sie ungehindert und befreit das Lied der Hitlerjugend: „Ein junges Volk steht auf“. Ein empörter Gegendemonstrant, der allein dagegen schimpfte, bekam von Beamten eine Ladung Pfefferspray ins Gesicht. Die braune Menge johlte. Ein Kontaktbeamter der Polizei grinste und sagte: „Schnell gelöst das Problem“.
Kindischer Auftritt mit braunem Plüschtier
Die Neonazis sahen sich trotz der geringen Mobilisierung und des massiven Widerstandes als „Sieger des Tages“, wie Thomas Wulff es später formulierte. Es sei die „Krönung einer langen Kampagne“, allein die erfolgte Durchführung des Marsches in Hamburg sei bereits als ein Erfolg zu bewerten. Christian Worch dagegen, ansonsten wortgewaltiger, erschien eher verstimmt. Er hatte am Rande der Demonstration eine Ladung Pfefferspray der Polizei ins Gesicht bekommen, als einige seiner Anhänger versucht hatten, die dünne Polizeikette an einer Wiese zu durchbrechen.
Kindisch wirkte der Auftritt des szeneintern gefeierten
braunen Plüschtiers, dem so genannten Abschiebär – eine Aktion aus dem Umfeld der Kameradschaft „Besseres Hannover“. Begeistert ließen sich Männer mit dem Teddy fotografieren. Glatzköpfe klatschten begeistert, als er auf dem Kleinwagen von Christian Worch herumhüpfte und die sofortige Abschiebung von Migranten forderte. Schweißgebadet stand Marc-Oliver Matuszewski etwas im Hintergrund, beobachtete angespannt die Reaktionen der Kameraden. Als die sich freuten, klatschte der Mann von „Besseres Hannover“ erlöst.