Unser Redebeitrag auf der Demo „Burschenschaft Germania bekämpfen – Gedenken an die Opfer der NS-Justiz“

Durch die Geschichte der Hamburger Burschenschaft Germania zieht sich faschistische Politik wie ein brauner Faden. Als die Germania 1919 gegründet wurde, war sie die erste Neugründung einer Studentenverbindung an der neuen Hamburger Uni. Ihre Mitglieder waren schon damals reaktionär bis faschistisch, frauenfeindlich, antisemitisch und elitär. Einige ihrer Gründungsmitglieder hatten sich ein Jahr zuvor, 1918, an dem Bahrenfelder Freikorps beteiligt. Einem konterrevolutionären Trupp, der die November-Revolution in Hamburg bekämpfte und auch zur Niederschlag der sog. „Sülze-Unruhen“, einem Hungeraufstand 1919, eingesetzt wurde. Die akademische Elite der Germania bekämpfte mit Waffengewalt die Arbeiter*Innenbewegung. Bei Gründung 1919 hatte die Germania mit den sog. „Eisenacher Beschlüssen“ auch schon lange vor der NSDAP einen Arier-Paragrafen. Juden und sog. Judenstämmlinge waren von der Mitgliedschaft ausgeschlossen. Und natürlich waren alle korporierten Männerbünde – nicht nur die Germania – an der neuen Hamburger Uni strikte Gegner des Frauen-Studiums.
In der Weimarer Republik entwickelten sich die Hamburger Studentenverbindungen zu überzeugten Wegbereitern des Faschismus. Sie betrieben, trotz alliiertem Verbot nach dem I. Weltkrieg, Wehrsport, unterstützten den NS-Studentenverband, boykottierten und störten sog. nicht-arische Professoren und drangsalierten jüdische Mitstudierende. Die Machtübertragung an Adolf Hitler 1933 begrüßte der Dachverband der Germania, die „Deutsche Burschenschaft“ euphorisch:
„Was wir seit Jahren ersehnt und erstrebt, wofür wir im Geist der Burschenschafter von 1817 jahraus, jahrein an uns und in uns gearbeitet haben, ist Tatsache geworden.“
1935 schaltete sich die DB freiwillig gleich, trat in den NS-Studentenbund über, übergab dessen Führer symbolisch die Burschenschaftsfahne und in Hamburg wurde das Germanen-Haus in ein Kameradschafts-Haus der NS-Bewegung umgewandelt. Später zogen die Germanen begeistert für Führer, Volk und Vaterland in den deutschen Vernichtungskrieg und beteiligten sich am Massenmorden in den europäischen Nachbarstaaten.
Ihre NS-Vergangenheit hat die Germania in keinster Weise aufgearbeitet – im Gegenteil. Bis heute feiert sie ihre verbrecherische Vergangenheit als „burschenschaftliche Tradition“. Bis heute prästentiert die Germania einen Alten Herren stolz in den sozialen Medien, weil er von Adolf Hitler persönlich mit „Ritterkreuz und Eichenlaub“ für seine massenhaften Mordtaten als Panzer-Kommandeur in der Wehrmacht ausgezeichnet wurde. Das ungebrochen faschistische Geschichtsbild verdeutlichte die Germania immer wieder, z.B. auch bei einem Vortrag im Germanenhaus 2010. Dort referierte ein Ehrenmitglied der Germania in apologetischer Weise über sein Buch „Blutzeugen“. Es ging um diejenigen „Gefallenen der Bewegung“, SA-, und SS-Leute die vor 1933 im Straßenkampf gestorben waren. Das Buch des Germanenbruders erschien dementsprechend im Verlag des militanten Neoazis Thorsten Heise.
Im Zuge des kalten Kriegs, der Restauration der alten politischen und wirtschaftlichen Eliten und des konsequenten Verdrängens der nationalsozialistischen Verbrechen konnte die Germania sich in den 1950er Jahren schnell rekonstituieren. Bis zur 68´er Bewegung hatten Studentenverbindungen erheblichen Einfluss an westdeutschen Universitäten – in der DDR waren sie konsequenterweise verboten. Schon 1964 wurde die NPD, heute DIE HEIMAT, als älteste, neofaschistische Partei Deutschlands gegründet, und auch schon damals gab es personelle Überschneidungen mit der Germania. Einen Unvereinbarkeitsbeschluss mit der NPD hat die Deutsche Burschenschaft übrigens nie beschlossen Ein damaliges Dauerthema der Burschenschaften war die Wiederherstellung des deutschen Reiches in den Grenzen von 1937 wenn nicht sogar 1939. Mit ihrem sog. „volkstumsbezogenen Vaterlandsbegriff“ haben sich die Burschenschaften bis heute nicht von solchen großdeutschen Träumen verabschiedet.
Einen zweiten Frühling erlebten die Studentenverbindungen im Zuge der Wiedervereinigung 1990 und der folgenden Jahre. Auch in Hamburg versuchte die Germania, teilweise im Verbund mit anderen Studentenverbindungen, wieder Einfluss an der Uni zu bekommen. Es gab öffentliche Werbungen auf dem Campus, eine rechte Liste mit Germania-Beteiligung, neurechte Veranstaltungen an der Uni und natürlich in den Burschenhäusern. Auch hier gerierte sich die Germania besonders extrem. In den 1990er Jahren gab es Doppelmitgliedschaften mit den Republikanern, mit der neonazistischen FAP und anderen neofaschistischen Vereinigungen. Und es gab gemeinsame Wehrsportübungen der Germania mit militanten Neonazis in der Lüneburger Heide. Es war die Zeit der sog. Baseball-Schläger-Jahre, die Zeit der massenhaften Angriffe auf Geflüchtete und Migrierte, der Morde und brennenden Flüchtlingsheime. Die rechten Intellektuellen der Germania schulten nicht nur sich und andere mit Vorträgen durch neofaschistische Intellektuelle, sondern probten auch ganz praktisch für den von ihnen prophezeiten Bürgerkrieg.
Nachdem die Republikaner in den 1990er Jahren abgewirtschaftet hatten und militant-neonazistische Vereinigungen wie die FAP verboten wurden, erlangte die NPD wieder zunehmend Bedeutung. Erneut schwenkten Teile der Deutschen Burschenschaft auf diese Partei-Linie ein. Auch bei der Hamburger Germania gab es jetzt wieder Doppelmitgliedschaften und Referenten aus dem Umfeld der NPD, die im Germanenhaus referierten. Wie z.B. Jürgen Schwab, ehemaliger Chefideologe der NPD, dem die Partei zu lasch geworden war und der 2012 zum Vortrag „Die Manipulation des Völkerrechts“ ins Germanenhaus kam.
Dieser Besuch wurde von Antifaschist*innen über die Medien öffentlich gemacht. Erst jetzt, nach jahrzehntelanger neofaschistischer Ideologie-Bildung, nach Wehrsportübungen und bester Vernetzung in der extremen Rechten, trat der Verfassungsschutz öffentlich auf den Plan und stufte die Burschenschaft, samt Hausverein und Alten Herren als Beobachtungsobjekt ein.
Die Germania machte jedoch weiter. Weiterhin wurden bundesweit bekannte Vordenker der Neuen Rechten ins Germanen-Haus eingeladen. Und es gab wieder Wehrsportübungen. 2017 berichtete DIE ZEIT darüber. In der Germania gab es damals Doppelmitgliedschaften mit der neofaschistischen „Identitären Bewegung“, die gemeinsam mit anderen Germanen und nichtakademischen Rechten in der Sierichstr. 23 trainierten. Angeleitet wurden sie von Thomas Gardlo, der hamburgweit bekannt wurde, weil er 2018/19 die Merkel-muss-weg-Aufmärsche veranstaltete.
Gleichzeitig etablierte sich mit der AfD nun bundesweit eine Partei, die am ehesten den Vorstellungen der Germania entsprach. Nicht so pöbelig und mit dem Kainsmal der VS-Beobachtung gebrandmarkt wie die NPD und gleichzeitg doch eindeutig radikal und völkisch, ohne Berührungsängste zur militanten Naziszene und vor allem erfolgreich. Gleich mehrere Mitglieder der Germania sind für die AfD aktiv, meist allerdings in anderen Bundesländern.
Jörg Schneider, 12 jahrelang Offizier der Bundeswehr und Alter Herr Germania war 2021 der rechtsextremistische Abgeordnete im Bundestag seit den 1950er Jahren im Bundestag saß, inzischen hat der Germane Alexis Giersch seine Nachfolge angetreten.
Und damit sind wir letztlich bei der besonderen Gefährlichkeit der Germania angelangt. Sie ist nicht eine kleine Nazigruppe mit Stiefeln und Glatze, sondern kommt in Anzug und Krawatte daher. Wer bei ihr mitmachen möchte muss studieren, wer Alter Herr ist hat eine akademische Ausbildung, kann Karriere machen und Einfluss gewinnen, ist in der Regel gut vernetzt. Besonders bedenklich ist die Tatsache, dass viele Germanen in der Vergangenheit nicht nur an Wehrsportübungen teilnahmen, legal über scharfe Schusswaffen verfügen, sondern auch in der Bundeswehr gut verankert sind. Fast alle Germanen haben gedient, viele sind Reservisten der Bundeswehr. Der Alte Herr Ramon-Stefan Schmidt war sogar bis 2016 Vorsitzender des Hamburger Reservisten-Verbandes mit 2.200 Mitgliedern. Zwei andere Alte Herren der Germania arbeiten als höhere Beamte im Bundesministerium der Verteidigung. Als wiederum wir diese Verbindungen öffentlich machten und nicht die Geheimdienste, wurden Militärischer Abschirmdienst und Verfassungsschutz tätig.
Unsere vor drei Jahren verstorbene Genossin Esther Bejarano sagte: „Wer gegen die Nazis kämpft, kann sich auf den Staat nicht verlassen.“ Das gilt auch im Falle der Germania. Dass die Burschenschaft überhaupt geheimdienstlich beobachtet wird, ist antifaschistischen und journalistischen Veröffentlichungen 2012 zu verdanken, ebenso das Bekanntwerden der Wehrsportübungen 2017 und der Besitz von scharfen Schusswaffen 2020. Im neusten Verfassungsschutzbericht wird die Burschenschaft jedoch noch nicht mal erwähnt.
Unsere jahrzehntelange Aufklärung und Protest waren die Grundlage dafür, dass die Nachbarnschaft in der Sierichstr. aktiv wurde, die Germania mit Zivilprozessen überzog und letztlich zum Auszug zwang. Und antifaschistischer Aufklärung ist es zu verdanken, dass dieses Jahr die anderen schlagenden Verbindungen die Germania nach über 100 Jahren aus dem Hamburger Waffenring ausschließen mussten. Der HWR ist der Zusammenschluss der Hamburger schlagenden Verbindungen.
Deshalb sind wir heute hier: Wir werden das Netzwerk der extremen Rechten in Hamburg weiter offenlegen. Wir werden die Aktivitäten und Verstrickungen der Germania mit militanten Neonazis, aber auch mit der AfD enttarnen. Und wir werden den Germanen weiterhin entgegentreten. Auf dem Kiez, in Marienthal und auf dem Campus!
Keinen Fußbreit dem Faschismus und seinen intellektuellen Wegbereitern!


